die Italiener

Es wurde viel geschrieben über die Fremden. In der Schweiz und natürlich auch in Italien schüttelte man verwundert den Kopf über manch befremdliches Verhalten der Anderen.
Schweizer über Italiener (und anders herum):

Beim Wort «Überfremdung» denkt kaum jemand an die andere Seite: die italienische Auswanderung.
In den ersten 100 Jahren seit der Staatsgründung 1861 haben 25 Millionen Italiener und Italienerinnen ihr Heimatland verlassen, insgesamt 25% der Bevölkerung.
Der grösste Teil zog es nach Südamerika, viele nach Nordamerika und etwa eine halbe Million landete in der Schweiz. Nur ein kleiner Teil kehrte je wieder nach Italien zurück.
Grafik: Die italienische Auswanderung bis 1970

Kaum war der 2. Weltkrieg beendet, erneuerten Italien und die Schweiz ihre Vereinbarung zur erleichterten Auswanderung. Schon Ende 1945 wandte sich das BIGA (Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit) an Italien und meldete einen grossen Bedarf an Arbeitskräften. Fast 50000 Italiener nahmen die Offerte an und erhielten eine Arbeitstelle in der Schweiz:
10523 in der Landwirtschaft
9225 im Bauwesen
7510 als Haushaltspersonal
7375 in der Hotellerie
4010 in der Textilindustrie
3243 in der metallverarbeitenden Industrie.

1970 Wie viele Italienerinnen und Italiener Arbeit und Lohn in der Schweiz fanden ist unbekannt, aber alleine zwischen 1946 und 1976 waren es gegen 4 Millionen Personen.
Um sich diese grosse Zahl besser vorzustellen, schauen Sie aus dem Fenster; es gibt 4 Millionen Personenwagen in der Schweiz. Also: jedes Auto ein «Tschingg».

«Die drei Eidgenossen» im Bundeshaus. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man schwören, dass sie «Morra» spielen.
Link: Morra-Spieler aus Süditalien

Für viele Gastarbeiter war die Reise in die Schweiz ihre erste Auslandreise. Mit Verwunderung mussten sie feststellen, dass manches anders ist im Nachbarland.
So hat zum Beispiel jeder Schweizer und jede Schweizerin eine Heimatgemeinde: In der Schweiz wird die ordentliche Einbürgerung grundsätzlich nicht vom Bund, sondern von einer Gemeinde durch Verleihung des Gemeindebürgerrechts durchgeführt.
«Bevor einer nämlich Schweizer Bürger werden kann, muss er von einer Gemeinde als Bürger akzeptiert worden sein. Und dies ist nicht einfach. Jeder Kandidat wird genauestens überprüft, um nicht den Protest derer herauszufordern, die sich beleidigt fühlen könnten, mit einer unzulänglichen Person im Schatten des selben Kirchturms leben zu müssen. Der Fremdarbeiter, der eingebürgert werden soll, muss also durch diese enge Pforte gehen – wie dieser Filter wirkt, kann man sich ausrechnen.»
aus dem Buch «Die Schweizer, wie ein Ausländer sie sieht» von Gian Paolo Tozzoli, 1966.

Reisende berichten mit glänzenden Augen von Multikulti und buntem Nebeneinader der Kulturen. Im Vergleich dazu scheint die Schweiz trist und fad.
Schaut man auf die Zahlen, ergibt sich ein ganz anders Bild: Der Ausländeranteil von Obwalden liegt nur knapp unter jenem von Berlin oder Paris. Und Deutschland, Holland und Japan sind im Vergleich zur Schweiz geradezu sortenrein.

Auch wenn die meisten Gastarbeiter ihr Land aus purer Not verlassen mussten, im Herzen blieben sie Italiener:
«Ihre Anhänglichkeit an Italien wächst, je länger sie in der Fremde sind. Sie kann geradezu krankhaft werden und ist, wohlverstanden, nicht nur gefühlsmässig.
Italien ist in ihrer Vorstellung das Land, das mit keinem anderen verglichen werden kann. Auch wenn sie dort ein wenig beneidenswertes Los hatten, haben sie vieles aufgegeben: das Klima und die Herzlichkeit, den Lärm und den Tratsch über die Tagespolitik. Deshalb gelingt es einem Italiener selten, sich in der Schweiz zuhause zu fühlen.»
aus dem Buch «Die Schweizer, wie ein Ausländer sie sieht» von Gian Paolo Tozzoli, 1966.

«Schon das physische Aussehen des typischen Gastarbeiters reizt den Schweizer – und vor allem den Deutschschweizer. Die langen glänzenden Haare, die Schnurr- und Backenbärtchen, die Neigung zu auffälliger Bekleidung sondern die Leute aus dem Süden von der Masse ab.»
aus der italienischen Zeitung «Corriere della sera» vom 26. Juni 1966
«Wenn aber eine typische Schweizerin einen kleinen Sizilianer heiratet, empfinden viele Schweizer ein Unbehagen. Sie warnen ihre Töchter vor den Italienern, nicht vor den Deutschen. Dieses Irrationale macht sich dann plötzlich am unbeteiligten Ausländer Luft. Wir müssen diese Einstellung bewusst bekämpfen.
aus «Vom Anderssein zur Assimilation» von Marc Virot, 1968
