die Abstimmung

Sechzigerjahre Die Kinder sollten es einmal besser haben als ihre Eltern. Aber die jungen Leute, selber in Wohlstand aufgewachsen, forderten kostbarere Werte als Reichtum und Wirtschaftswachstum: Konsumverzicht!

Einer von ihnen schrieb: Auf in den Kampf «gegen die Überindustrialisierung und gegen den unersättlichen Expansionshunger gewisser Unternehmer!» Der Mann der dies forderte passte in kein gängiges Schema. Er stammte aus bester Zürcher Industriellenfamile, war über 50 jahre alt und das personifizierte Feindbild der halben Schweiz: Dr. James Schwarzenbach.

Schwarzenbach-Portrait in der WOZ.

Dr. James Schwarzenbach war zu seiner Zeit der bekannteste Schweizer. Neben Bernhard Russi.

Er stammte aus bester Zürcher Industriellenfamilie und war mit der Schweizer «High Society» bekannt, verwandt und verschwägert (um nur zwei Beispiele zu nennen: seine Tante Renée Schwarzenbach, Tochter von General Wille oder seine Cousine Annemarie Schwarzenbach, weitgereiste Autorin und Fotografin).

Schwarzenbach war Zugpferd, Zentralpräsident und einziger Nationalrat der «Nationalen Aktion gegen Überfremdung von Volk und Heimat». Als es nach der verlorenenen Abstimmung zu Unstimmigkeiten kam, zog der gewiefte Politiker einen Trumpf aus dem Ärmel: er erklärte, dass er zu keiner Zeit Mitglied der NA gewesen war. Trotzig gründete er seine eigene Partei, zog sich schon 1978 aus der Politik zurück und starb 1994 in St. Moritz.

 

 

 

James Schwarzenbach hatte ein pionierhaftes Gespür für mediengerechte Auftritte. Dabei störte es ihn nicht im Geringsten, mit seiner Meinung allein zu stehen: ebendies sicherte ihm schliesslich einen Spitzenplatz in der Fernseh-, Radio- und Zeitungsberichterstattung.

Schwarzenbach war ein typischer Einzelkämpfer und er kannte nur ein Thema: die Überfremdungsgefahr. Leidenschaftlich setzte er sich für die 2. Überfremdungsinitiative der NA ein. Bald sprach die ganze Schweiz nur noch von der «Schwarzenbach-Initiative». 

 

1970 wurde der Schweiz von einer seltsamen Krankheit befallen: der«Helvetische Malaise». Die ganze Nation litt gleichzeitig an ungezügeltem Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum, an Entfremdung und Überfremdung zugleich. Der krankmachende Keim war bald gefunden: der Ausländer. Die «Schwarzenbach-Initiative» versprach Abhilfe. Einem hitzigen Wahlkampf folgte ein knappen Ergebnis. 54% der Stimmberechtigten (Männer) sagten nein.

 

1970 Wer wissen will, wie es damals ausgegangen ist, schaut am besten nach Schwarzenbach, denn ihr Abstimmungsresultat war typisch für die ganze Zentralschweiz. Die 39 Schwarzenbacher Stimmbürger sagten mit 1 Stimme Vorsprung JA zur Schwarzenbach-Initiative. Wie die meisten Dörfer in der Zentralschweiz: Von den 188 Gemeinden haben 138 die Vorlage angenommen, nur 40 waren dagegen. 

Aber warum? Vielleicht weil die Annahme der Initiative keinerlei Konsequenzen hatte, da die wenigsten Landdörfer die Ausländerquote von 10 % erreichten. Auch auf die Frage, wer dann die Drecksarbeit machen sollte, wenn die Italiener fort müssten, war schnell eine Antwort parat: «Selber, wie bisher!»

Die Abstimmungsresultate

 

Sechzigerjahre  Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) protes­tierte vehement gegen den Zustrom ausländischer Arbeitskräfte und der «Blick» titelte «hinaus mit den Italienern». Selbst er Bundesrat kam 1964 zum Schluss, dass sich die Schweiz «im Stadium einer ausgesprochenen Überfremdungsgefahr befindet».

Viele versuchten aus der «Überfremdungsangst» Kapital zu schlagen, aber nur einem gelang es: Dr. James Schwarzenbach.Mittels Volksinitiative verlangte er, dass in jedem Kanton höchsten 10% Ausläner wohnen dürfen (ausser Genf 25%). Die hätte bedeutet, dass in 16 Kantonen 309 100 Ausländer «abzubauen» wären, andererseits in 8 weiteren Kantonen noch 23 600 Ausländer zuziehen dürften. Die rund 300 000 weggeschickten Personen – ein grosser Teil aus Italien –  sollten durch ausländische Saisonarbeiter ersetzt werden. Nach einem hitzigen Wahlkampf wurde die «Schwarzenbach-Initiative» am 7. Juni 1970 mit 54% Nein-Stimmen verworfen. Der Urnengang mobilisierte 74% der Stimmberechtigten.

Wie ging es weiter? Um 1975er-Jahre wurde die Schweiz von der Ölkrise erfasst, 250 000 Ausländer verloren ihre Stelle und mussten die Schweiz verlassen. Das Tschinggä-Thema war mit einem mal weg vom politischen Tisch. Aber am Horizont tauchten neue Einwanderer auf: Tamilen! 

Originaltext der Initiative

 

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