die 1970er

Die «Schwarzenbach-Abstimmung» fand am 7. Juni 1970 statt. Seither sind 2000 Sonntage vergangen. Reisen Sie mit uns zurück; in eine Zeit, als die Zukunft noch weit weg war.

 

Die Zukunft von damals ist jetzt. Fernsehansagerinnen, knappe Fussballhosen und Shampoo, das in den Augen brennt, gibt es nicht mehr. Anderes hat die Zeit überdauert. Fiat, Flup und Frionor – wer erinnert sich?

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Die klassischen Weihnachtsgeschenke der 1970er-Jahre stammten vom Schwein und hatten ein -li am Wortende: Schüfeli, Rippli und Schinkli. Die üppigen Fleischpräsente brachten den Speiseplan manch einer Hausfrau durcheinander. Die Zeitschrift «Annabelle» wusste Rat und präsentierte zum Jahresende als Schinkenrestenverwertungstipp die oben abgebildete Sulzschnitte, allerdings unter dem bedeutend feineren Namen «Jambon persillé».

 

 

 

Das riesige Wandgemälde im Bundeshaus, hiess es im Frühling 1970, solle durch ein zeitgemässes Gemälde ersetzt werden. Wie die Rundschau des Schweizer Fernsehens berichtete, entschied sich die zuständige Kommission für ein abstraktes Werk des jungen Künstlers Andrianampoinimern und bewilligte Bereits am kommenden 1. April soll das Werk enthüllt werden.

Rundschau-Bericht auf youtube.

 

 

1970 gab es in Giswil noch einen Coop-Laden, gleich bei der Barriere. Und im Coop gab es in diesem Jahr eine Premiere: die erste Schweizer Fertigpizza kam ins Regal, beziehungsweise in die Kühltruhe.
Nicht «Pizza Napoli», nicht «Toscana» und auch nicht «Margherita» hiess der italienische Aufback-Kuchen, sondern «Pizza Ticinella» – also schon ein wenig italienisch, aber noch auf der sicheren Seite.


1970 fand der Gotthard-Stau wirklich am Gotthard statt und nicht auf der Autobahn davor, wie heute. Wer in den Süden fahren wollte, musste bis zur Eröffnung des Gotthardtunnels 1980 kurvenreich über den Pass fahren. Am 9. Juni, zwei Tage nach der Schwarzenbach-Abstimmung, war die Strasse vom Schnee geräumt und konnte für den sommerlichen Reiseverkehr freigegeben werden. Der Gotthardstau war eröffnet!

Am ersten Ferientag 1970 fuhren über 13000 Autos Richtung Süden. Und zwar schon am frühen Morgen, denn die Zählstelle an der Axenstrasse verzeichnete zwischen 5 und 6 Uhr den Jahresrekord mit 825 Autos.

Am ersten Ferientag 2011 waren 22784 Fahrzeuge unterwegs, also rund doppelt so viele.

 

 

1970 Frau Stirnimaa war die berühmteste Schweizerin in diesem Winter. Sie machte die «Minstrels» mit einem Schlag bekannt. Grüezi wohl, Frau Stirnimaa! eroberte Ende Oktober 1969 die Schweizer Hitparade, das Lied hielt sich siebzehn Wochen ununterbrochen in den Top 10, zehn Wochen davon auf Platz 1.
Das Luzerner Meinungsforschungsinstitut Scope ging der Sache wissenschaftlich auf den Grund und konnte nachweisen, dass 1 Million Schweizerinnen schon selber mindestens einlam laut mitgesungen haben und insgesammt 97% das Lied kennen. 

Frau Stirnimaa in einem deutschen Film.

 

1970 Die Lieblingsfarbe der Siebzigerjahre war orange, grell orange. Das war modern, das war poppig  – und genau das Gegenteil von gemütlich. Stühle, Lampen und Küchengeräte; alles in orange. Und wem das noch nicht bunt genug war, ergänzte mit grell wilden Tapeten und bunt gemusterten Vorhänge. Heutzutage ist die Farbe vom aussterben bedroht, einzig auf Baustellen und bei easyjet strahlt sie noch.

 

1970 Im Winter wird Theater gespielt – im Juni wird abgerechnet: Die ZSV-Mitglieder in der Zentralschweiz hatten gut lachen, denn sie gaben in der Saison 1969/70 genau 692 Vorstellungen von 98 verschiedenen Stücken. Die Hälfte aller Aufführungen gehörten zur Kategorie Lustspiele, Komödien und Schwänke. 
Giswil spielte «E glatti Stürmoral» zu Gunsten der bevorstehenden Kirchenrenovation. 

Kirche hören.

 

1970 Touristen lieben es, das Wort «Chuchichäschtli». Kichernd versuchen sie es nachzusprechen, ohne zu wissen, dass sich darin ein Geheimnis verbirgt. 
Im Küchenkasten bewahrte die die Schweizer Hausfrau ein kleines Heft auf, worin sie hin und wieder bunte Marken klebte: die «Rabattmärkli». Diese waren die Cumulus- und Superkarten von damals, eine charmante Art der Bestechung. Pfiffige Lebensmittelhändler flattierten damit um Kundinnen-Treue, denn wer das Büchlein voll hatte wurde mit einigen Prozent Rückvergütung oder kleinen Geschenken belohnt, welche natürlich in den Privatbesitz der Komplizin flossen und von denen der Hausvorstand nichts zu wissen brauchte.

 

1970 Was sind das wohl für geheimnisvolle Zeichen? Botschaften von Ausserirdischen? Wer kann obige Hieroglyphen lesen?
Im Jahr nach der Mondlandung war das Interesse gross für alles, was mit dem Weltraum zu tun hatte: Apollo, Sojus, Ufos und Stengelglacen in Raketenform. 

Da freute sich der Erdenmensch sich auf Gegenbesuch aus dem Orbit. Als idealer Gastgeber präsentierte sich Erich von Däniken, Spezialist für intergalaktische Literatur. Sein fantastisches Werk «Zurück zu den Sternen» war das meistverkaufte Sachbuch des Jahres 1970. 

 

1970 Sollte die Schwarzenbach-Initiative angenommen werden, müssten viele tausend Ausländer die Schweiz verlassen. Der Bundesrat fürchtete die Konsequenzen und erinnert an den «Fall Fentener», der vor einigen Jahre weltweites Aufsehen erregt hatte.

Tatsächlich weltweit. Amerikanische Zeitungen wie die Pittsburgh Post-Gazette berichteten 1965: «Die Schweiz wirft einen Amerikaner aus dem Land, nur weil er zu hoch hinaus wollte».

Beim Beschuldigten handelte es sich um einen reichen US-Offizier, der seine Villa am Genfer See um 60 cm zu hoch gebaut hatte. Nach jahrelangem Streit wurde Henri Fentener als unerwünschter Störenfried ausgewiesen. Pressewirksam kaufte dieser darauf hin in Amsterdam einen Fallschirm, mit der Begründung, seine Schweizer Villa notfalls aus der Luft zurück erobern zu wollen.  

 

 

1970 Zum ersten mal landet ein Jumbo Jet in der Schweiz. Die Zeitschrift «Woche» schrieb, der Flieger sei so riesig, dass sich in seinem Schatten bequem 47 Autos parkieren liessen. Ein ganz und gar unnötiger Hinweis, denn an diesem Sonntagmorgen, dem 7. Februar 1970, hudelte das Regenwetter. Trotzdem fanden sich mehrere Hundert Zaungäste am Flughafen Kloten ein.  Im Jahr darauf trafen sie sich wieder – und noch viele mehr. 20000 Neugierige sahen erneut zu, wie ein Jumbo landete. Aber diesmal stand in grossen Buchstaben «Swissair» darauf.

 

1970 Die Nerven lagen blank. Am Montag nach der Schwarzenbach-Abstimmung warfen in Stansstad 39 Gastarbeiter den Pickel hin. «Wir haben kein Vertrauen mehr in unseren Arbeitgeber» erklärten sie. Dem Entschluss war ein längerer Streit und ein kurzer Streik vorausgegangen. 
Ein Stellenwechsel der streikenden Spanier komme nicht in Frage, vermeldet die Fremdenpolizei des Kantons Nidwalden, der diesbezügliche Bundesbeschluss sei eindeutig. 
Der verlassene Bauunternehmer konnte nur noch hoffen, dass die Spanier zurückkommen – oder ganz schnell das Land verlassen, damit er eine neue Mannschaft besorgen kann, denn der Bundesrat hatte trotz der abgelehnten Schwarzenbach-Initiative einen sofortigen Einwanderungs-Stopp verfügt. 

 

1968 In den eidgenössischen Amtstuben passierte Ungeheuerliches: man musste zugeben, dass das Saisonnier-Konzept gescheitert war.

In den vergangenen 20 Jahren (ab 1946) durften fünfhunderttausend italienische Gastarbeiter in der Schweiz arbeiten, unter strenger staatlicher Aufsicht präzis neun Monate pro Jahre. Gemäss Rotationsprinzip sollen sie jeweils nach drei bis fünf Jahren einer nächsten Arbeitergeneration Platz machen und in ihre Heimat zurückkehren. Integration war ausdrücklich nicht erwünscht. Nun sind sie geblieben, die Fremden. Nun wird Assimilation verordnet! Einem Schwamm gleich soll der Ausländer von der Gesellschaft aufgesogen werden, unsichtber werden dank vollkommener Integration.

 

1968 Der Autor von «Tschinggä», Adrian Meyer, hat den Sprechtext für 20 Rollen geschrieben. Alle, bis auf eine. Denn der Text des «Fremdenpolizisten» hat er nicht erfunden, jedes Wort ist echt. Der gesamte Text stammt aus einem Buch des Chefs der Berner Fremdenpolizei (heute Amt für Migration).

Dr. Marc Virot verfasste seinerzeit ein Büchlein zum Thema «Vom Anderssein zur Assimilation». Darin beschrieb er die Hürden und Hindernisse auf dem Weg zur Einbürgerung, mit besonderem Blick auf Süditaliener, die zu dieser Zeit die grösste Einwanderungsgruppe bildeten.

Virot beklagte die Einbürgerungs-Willkür bei der Beurteilung von Ausländern. Viel zu oft werde nach Äusserlichkeiten und Gefühl beurteilt, blosse Gerüchte, Vermutungen oder Verleumdungen genügten, um eine Einbürgerung zu vereiteln. Andererseits, schreibt er, sei fraglich, ob ein Ausländer ausreichend integriert sei, nur weil er hin und wieder Rösti oder Berner Platte esse.

Zuständig für das Online-Theater:
Gestaltung: Peter Halter / Umsetzung: Stefan Amport